Bis gestern waren hier noch Ausschnitte aus Ursula Mielkes Vorbericht und ihrer Rezension zu lesen, die sie nach der Premiere von "Sid" für die Thüringer Allgemeine verfasst hat - sehr schöne Kritiken, über die ich mich zum damaligen Zeitpunkt sehr gefreut hatte.

Damals, wohlgemerkt.

Denn heute schäme ich mich fast dafür. Vor wenigen Tagen hat Frau Mielke einen Artikel in der Thüringer Allgemeinen veröffentlicht, der vordergründig zwar das Eröffnungskonzert des "Yiddish Summer Weimar" zum Thema hatte, faktisch aber Ausdruck von reinstem Antisemitismus ist.

Dort schreibt Frau Mielke unter Anderem: "Künstlich muss man nichts, aber auch gar nichts am Leben erhalten. Denn wenn sich ein ausgezeichneter Musiker und Festival-Macher wie Alan Bern nicht in seinem großen, reichen Herkunftsland USA ansiedelt, sondern im kleinen Deutschland, dann doch wohl aus zweierlei Gründen. Zum einen, weil alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten, zum zweiten, weil hier das Geld für allseits begründbare Projekte noch sehr locker fließt."

Das ist so unglaublich, dass man es zwei Mal lesen muss. Lassen wir mal dahin gestellt, dass Fördergelder auch in Deutschland lange nicht so "locker fließen", wie Frau Mielke es uns hier glauben machen will (zahlreiche Freunde und Kollegen aus der freien Szene können dies hinlänglich bestätigen). Aber dem Festival quasi emotionale Erpressung zu unterstellen, zu behaupten, das Festival würde die deutsche Geschichte berechnend ausnutzen, um.... ja, um was eigentlich zu tun? Musik zu machen? Kultur erlebbar zu machen? Künstlich, wie die Autorin wohlgemerkt betont - sehr viel anders ist jüdische Kultur in Deutschland auch schwer zu erleben, die Gründe dafür sollten bekannt sein.  In der Jüdischen Allgemeinen schreibt Johannes Heil, wie es ist: "Tatsächlich schafft es diese Redakteurin, binnen weniger Zeilen das gesamte Repertoire modern gewendeter Antisemitismen einzuspielen. Ihre Codes lauten Schuld, Geld, Jude"

Noch vor wenigen Jahren hätte ich nie für möglich gehalten, dass so etwas wieder gedacht, geschweige denn gedruckt werden kann! Heute ist diese Form von Polemik und Demagogie leider schon fast wieder gesellschaftsfähig geworden - unerträglich!

Dagegen wehre ich mich! Ausdrücklich!

Den Original-Beitrag gibt es hier zu lesen, die Stellungnahme des Chefredakteurs hier und den gesamten Artikel in der Jüdischen Allgemeinen hier.

Stephanie Kuhlmann

Musiktheater-Regie