• Stephanie Kuhlmann

Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm


Dieser Film ist sicher der Beste, den ich seit Langem gesehen habe! Hier wird nicht nur die Dreigroschenoper neu erzählt, sondern auch Brechts Hadern mit der Filmindustrie bei dem Versuch, die Dreigroschenoper zu verfilmen - und so viel mehr. Der Fall landet schließlich vor Gericht in einem Urheberrechtsstreit, der wiederum selbst zum soziologischen Experiment stilisiert wird: Kunst gegen Kommerz, Romantik gegen Sozialkritik.

Regisseur Joachim A. Lang zeigt in opulenten Bildern den Dreigroschenfilm, den Brecht nie gemacht hat, so wie er denkt, das Brecht ihn gemacht hätte. Oder heute machen würde? Die Bilder sind gigantisch, ein künstlerisch-künstliches London-Filmset, üppige Ausstattung zwischen 20er-Jahre-Gaunerromantik und heutiger Vintage-Burlesque-Faszination, berauschende Choreografien. Man kann sich sicher fragen, ob perfekt choreografierte Musical-Nummern à la "Moulin Rouge" und "LaLa Land" hier wirklich richtig sind, ob das London Mackie Messers (Tobias Moretti) zwischen Glanz und Elend wirklich so prachtvoll ausstaffiert werden sollte, überhaupt ob diese Musical-Ästhetik für Brechts Stück passend ist. Oder ob man hier dem Film gar den Vorwurf machen könnte, den Brecht selbst seiner Produktionsfirma machte, nämlich sich dem aktuellen Publikumsgeschmack zu sehr anzubiedern. Andererseits ist es einfach verdammt gut gemacht und hat mich damit trotz aller kritischen Gedanken durch und durch begeistert. Und kann man diese Musical-Szenen nicht irgendwie auch als eine Art Verfremdungseffekt sehen?

Vor Allem aber werden die Szenen des Dreigroschenfilms immer wieder jäh unterbrochen von Semi-Dokumentarischen Szenen, in denen Brecht (Lars Eidinger) sich mit seiner Produktionsfirma oder den Gerichten rumschlagen muss. Brecht ringt mit dem Theater, dem Film, der Filmfirma, seinen Mitstreitern, dem Erfolg, den Erwartungen, den eigenen Ansprüchen und dem aufkommenden Nationalsozialismus. In diesen Szenen - Brechts Text besteht ausschließlich aus Original-Zitaten - bleibt vom Film-Glanz zum Glück nicht viel übrig.

Schließlich illustriert der Regisseur Brechts Frage "Was ist das Ausrauben einer Bank gegen die Gründung einer Bank", in dem er Mackies Ganovenbande zu Aktenkoffern-Bankern macht, rings herum schießen die Londoner Wolkenkratzer aus dem Boden, Mackie ist ins Bankwesen gewechselt, Polly führt die Geschäfte. Das ist ein bisschen platt, aber wirkungsvoll und holt das Stück überdeutlich in die Gegenwart.

Mein persönliches Highlight in einer erstklassigen Schauspielerriege: Claudia Michelsen als Frau Peachum, die hier nicht nur die versoffene schrullige Gaunergattin darstellt, sondern durchaus auch leise Momente hat. Noch nie habe ich eine derart menschliche Darstellung dieser Rolle gesehen, die zeigt, dass auch sie einmal ein junges Mädchen mit Wünschen und Sehnsüchten war, deren Ziel einst sicher nicht das professionalisierte Betteln und Gaunern war.

Im Spannungsfeld zwischen glamourösen Dreigroschenfilm-Szenen und nüchterner Betrachtung der Arbeitsumstände entsteht ein starker Film, der unheimlich viel erzählt. Nicht nur über die Dreigroschenoper und Brechts Arbeit, sondern auch über gesellschaftliche und politische Parallelen unserer Zeit. Ein Film, der außerdem zum Nachdenken anregt über den Umgang mit "unseren Klassikern" in Kultur und Gesellschaft. Ein Film, den man in vielen Punkten sicher kritisch betrachten kann, der mich aber sehr gepackt und glücklich gemacht hat. Unbedingt sehenswert!


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