• Stephanie Kuhlmann

Das heilige (Regie-)Buch


Gerade arbeite ich an der Wiederaufnahme einer sieben Jahre alten Inszenierung von Mozarts „Nozze di Figaro“ – und habe als Grundlage mein altes Regiebuch von damals. Zum Glück! Dieses Buch ist die heilige Schrift der Regie, dort steht genau drin wer was wann warum tut. Von der reinen Organisation der Szenen bis zu inhaltlichen Details und Motivationen der Figuren. Bis kurz vor Probenbeginn galt dieses Buch als verschollen und meine Erleichterung war riesig, als es auf wundersamen Wegen dann doch wieder auftauchte.

Nun kann man natürlich fragen: Was soll’s? Gibt’s kein Video, auf dem man das nachschauen kann? Doch, klar gibt’s das. Aber darauf sehe ich im besten Fall, was die Personen auf der Bühne gemacht haben. Nicht, wie es dazu kommt, nicht, was der Grund dazu ist, Mimik und Gestik sind kaum zu erkennen. Die Organisation, ja, die kann man teilweise auch vom Video abnehmen. Aber die Details, die eine Inszenierung ja erst ausmachen, die nicht und deshalb ist das Regiebuch so unendlich wichtig. Ohne mein Buch sage ich garnichts. Das Buch weiß alles.

Die Frage ist dann aber auch – in welcher Form stehen die Infos drin, im heiligen Buch? Meine Mitschriften von damals sind, wie mir jetzt auffällt, äußerst textlastig. Es stehen alle wichtigen Infos drin, manchmal ist das sogar sehr unterhaltsam. So musste ich sehr schmunzeln über den Satz „Der Graf erhebt den Zeigefinger und sich selbst“. Bei der Probenvorbereitung sind diese Infos Gold wert. Während der Proben allerdings ist es essentiell, die Situation mit einem Blick ins Buch zu erfassen ohne viel lesen zu müssen. Das war mir damals noch nicht so klar – in Gießen waren Wiederaufnahmen die Ausnahme. Ein ausgeklügeltes System an Skizzen und Abkürzungen habe ich mir erst am Staatstheater Nürnberg angeeignet, wo Wiederaufnahmen in kürzester Zeit die Regel waren und man ohne übersichtliche Regiebuch-Notation völlig aufgeschmissen gewesen wäre.

Diese Zeichen sind dann ein bisschen wie Stenografie, ein allgemein gültiges System gibt es aber nicht. Manche Dinge haben sich durchgesetzt, wie zum Beispiel das Herz als Zeichen für den Chor, abgeleitet vom Französischen coeur (= Herz), was genauso klingt wie choeur (= Chor). Anderes wird innerhalb der Theater von Assistent zu Assistent weitergegeben, wie man sich ja auch die Bücher übergibt.

Ein Pfeil nach unten heißt „nach vorne kommen“, ist jedoch ein Querstrich darunter heißt es „hinsetzen“, ist ein kleines w darunter „hinknien“ (weil das w mit viel Fantasie ein bisschen wie zwei Knie aussieht). Das Gleiche gibt es in umgekehrter Reihenfolge natürlich auch für „nach hinten gehen“, „aufstehen“, „aufrichten“. Eine durchgestrichene 0 heißt „Stopp“.

In Skizzen werden Menschen dargestellt wie ein „T“ mit verkürztem Senkrechtstrich, das habe ich mir von der Regisseurin Monique Waagemakers abgeguckt. Der Querstrich sind die Schultern, der Senkrechtsrich die Nase. So weiß man nicht nur, wo die Person steht, sondern erkennt auch die Blickrichtung, ob sich zwei Menschen direkt ansehen, einer über die Schulter blickt usw. Mit Richtungspfeilen lässt sich sogar zeigen, ob jemand rückwärts, vorwärts oder seitwärts geht und in welche Richtung er sich dreht. Sehr praktisch.

Die Erstgeborenen unter meinen Zeichen waren die für Auftritt (ein Dreieck) und Abgang (ein umgekehrtes Dreieck), die haben schon in meiner Zeit als Hospitantin den Grundstein gelegt. Ich denke immer noch hin und wieder an Barbara Steinfeld, wenn ich diese Symbole in mein Buch zeichne. Sie hat mir damals als noch ganz frische Hospitantin die Grundlagen meiner Arbeit beigebracht.

Jetzt sehe ich anhand meines alten Buches, wie sehr sich das dann – zum Glück – weiter entwickelt hat. Aber irgendwie auch schön, zu sehen, dass man im Laufe der Berufsjahre dazu gelernt hat. Wäre ja sonst auch noch schöner! Auch wenn es eine ganz schöne Arbeit war, die über 500 Seiten Regiebuch vor, zwischen und nach den Proben auf all diese Skizzen und Kürzel hin zu überprüfen…

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